7: Freude schenken, Freude spüren.

Weihnachten ist noch lange hin, Ostern gerade vorbei und der Geburtstag ist auch nur einmal im Jahr, aber Gelegenheiten gibt es immer: anderen eine Freude zu machen.

Kinder lieben es, für Mama oder Papa eine Überraschung zu fabrizieren und sie fühlen sich glücklich und geliebt, wenn die Eltern ihre kleinen Geschenke würdigen. Hängt die Bilder eurer Kinder immer mal wieder auf, lasst euch von ihnen erzählen, was sie gemalt haben und was sie damit ausdrücken wollten. Sammelt die Bilder in einem eigenen Ordner, zu dem das Kind Zugang hat.

Selbst gefertigte Basteleien sollten durchaus an einem zentralen Platz von jedermann bewundert werden dürfen und nicht sofort in einer dunklen Ecke (oder gar im Mülleimer) verstauben. Irgendwann kann man die Kleinigkeiten in einen Kiste tun und auf den Dachboden oder in den Keller stellen.
(Gehört das eigene Kind zu den hingebungsvollen Tüftlern und bringt jeden Tag etwas anderes mit, kann es sinnvoll sein, nur die gelungensten Teile aufzubewahren und von den anderen Dingen lediglich ein Foto zu machen. Meine Tochter besitzt mittlerweile Hunderte von Bildern, und ich habe mir vorgenommen, ihr irgendwann ein Fotoalbum zu schenken, in dem ausschließlich Bilder ihrer selbst angefertigten Schöpfungen sind.)

Selbst die enthusiastischsten Bastler sind aber mitunter dankbar für etwas Unterstützung.
Ein gemeinsam ausgefüllter Geburtstagskalender gibt rechtzeitig Auskunft darüber, wessen Fest in Kürze ansteht, so dass das Kind ausreichend Gelegenheit hat, sich darüber Gedanken zu machen, ob es etwas schenken möchte und wenn ja, was es sein soll.
Bestärkt eure Kinder darin, etwas Selbstgestaltetes zu verschenken, auch wenn sie bereits so alt sind, dass sie es als etwas ganz Besonderes sehen, etwas von ihrem Taschengeld zu kaufen. Keine Frage, dass dies tatsächlich etwas Besonderes ist – nur ist die gekaufte Schokolade für die Oma schnell verputzt, die selbstgemalte Geburtstagskarte jedoch erinnert auch in einigen Monaten noch daran, dass sich hier jemand Mühe gegeben hat, Freude zu bereiten.

Im Alltag selbst gibt es unabhängig von den großen Festtagen immer wieder die Gelegenheit, andere zu beglänzen.
Ein selbstgefädeltes Armband für die Tante, „einfach mal so“, welches das Kind selbst verpacken und zur Post bringen darf, etwas aufheben, was einem anderen heruntergefallen ist, jemandem die Tür aufhalten, dem kleinen Bruder als große Überraschung für die Eltern den Schlafanzug anziehen, einer lieben Freundin etwas von den Süßigkeiten aufheben, die man gerade erhalten hat – schärft den Blick eurer Kinder für die kleinen Situationen, in denen es anderen etwas Gutes tun kann und dafür mit Freude und Zuneigung belohnt wird.

Meine Tochter erinnert sich noch heute gern daran, dass wir einmal eine gerngehabte Nachbarin, die im Supermarkt an der Kasse arbeitet, mit einer Tafel Schokolade überrascht haben: Meine Tochter durfte sie auf’s Band legen, bezahlen und anschließend der Nachbarin überreichen: „Die ist für dich, Gabi.“
Gabi hat sich sehr gefreut, und meine Tochter hat diese Situation bereits das ein oder andere Mal für sich wiederholen können.

Lebt die Freude des spontanen Gebens euren Kindern vor, indem ihr ab und an kleine Überraschungen in die tägliche Routine einbaut: eine Extra-Geschichte beim Zubettgehen, eine von hinten ins Badewasser gerollte Überraschungskugel, ein selbstgemaltes Bild – meine Tochter bewahrt einen selbstgemalten Schmetterling von mir, der irgendwann aus purer Langeweile heraus entstand, immer noch in ihrer Schatzkiste auf. Schreibt euren Kinder kleine Briefe, die sie vielleicht in der Brotbox in der Schule finden dürfen, überrascht sie mit einem Besuch der Eisdiele nach dem Abendessen, kurz: Zeigt ihnen, dass es auch die kleinen Aufmerksamkeiten im Leben sind, die für eine dauerhaft liebevolle und harmonische Stimmung im Miteinander sorgen.

6: Worte und Vielfalt.

Die ersten Worte eines Kindes halten die meisten noch für die Nachwelt fest.
„Mama“, „Papa“, „Ball“ wiederholen wir und freuen uns beinahe noch mehr darüber, als das Kind dies selbst tut.
Nicht wenige Eltern erwarten sehnsuchtsvoll den Tag, an dem der Nachwuchs nicht mehr jedes Unbehagen durch lautes Gebrüll kundtut, sondern verbal deutlich machen kann:
„Ich habe Hunger!“
„Mir ist kalt!“
„Ich will ein Spiderman-T-Shirt!“

Nun gut, auf den letzten Satz warten wir vielleicht nicht ganz so voller Spannung, aber insgesamt werden sich alle einig sein:
Es ist schon etwas Besonderes, sein Kind bei seinem Bemühen zu beobachten, sich die Sprache anzueignen, die Mutter, Vater, Geschwister, Freunde und überhaupt alle um es herum so selbstverständlich gebrauchen.

Sprache eröffnet Welten, und jeder, der sich jemals nur mit einem halbwegs passablen Fremdsprachenwortschatz in einem andersprachigen Land in ein Gespräch verwickelt sah, weiß, wie beschränkt man in seinem Ausdruck ist, und wie mühsam und mitunter auch frustrierend es sein kann, seinem Gegenüber die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle kundzutun.

Überdies lernt das Kind sich selbst besser kennen, es vermag sein Ich besser zu formen, je mehr Worte ihm zur Verfügung stehen, um seine Emotionen und Gedanken in Worte zu fassen. Verspüre ich Trauer, Sehnsucht, Unsicherheit oder ist mir langweilig? Bin ich wütend, überfordert, gekränkt oder bloss überrascht?
Selbst Erwachsene benötigen mitunter Zeit, um sich über ihr aktuelles Gefühlsleben klar zu werden, und je früher mir aufgezeigt wird, dass das, was ich im ersten Moment als „Ärger“ abspeichere, in Wahrheit „Enttäuschung“ ist, desto eher kann ich mit meinen eigenen Gefühlen besser umgehen.

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose – aber sie ist auch eine duftende, eine zarte, eine hellrote, eine samtweiche Blüte.
Niemand verlangt, dass man immer und zu jeder Zeit ein eloquentes „Ich bin gerade sehr ungehalten, weil ich mir den Zeh an diesem wirklich fies kantigen, schweren und obendrein auch noch im Weg stehenden Stuhl angehauen habe“ von sich gibt, statt kurz zusammenzufassen: „Verdammter Mist!“

Aber es schadet sicher nicht, im Alltag einmal verstärkt darauf zu achten, wie bündig wir unsere Kinder mitunter abfertigen und wie oft wir die Gelegenheit verstreichen lassen, zumindest mal eine der vierhundert täglichen „Warum“-Fragen etwas ausführlicher und über die üblichen Floskeln hinaus zu beantworten (von sprachlicher Vielfalt einmal abgesehen, stelle ich dabei übrigens oft genug fest, dass ich gar nicht über das von mir als selbstverständlich angenommene Wissen verfüge und schnell einmal nachschlagen muss).

Und nach der langen Rede schnell noch der simpelste Weg, dem Kind einen umfangreichen Wortschatz mitzugeben:
Vorlesen, vorlesen, vorlesen.
Ganz ohne dass wir unser Hirn nach filigranen Wortschöpfungen durchforsten, bieten wir unserem Kind – neben neuen Welten, Abenteuern und Ideen – damit die Gelegenheit, den eigenen Wortschatz zu erweitern und sich sprachlich zu differenzieren.

Angefangen mit den allersten Wörtern von Helmut Spanner und der „Raupe Nimmersatt“ über „Drache Kokosnuss“ und „Pettersson und Findus“ bis hin zu „Die Kinder aus dem Möwenweg“, „Ronja Räubertochter“ und „Der kleine Hobbit“ – kaum ein Kind wird die Gelegenheit ungenutzt lassen, sich mit Mama oder Papa zurecht zu kuscheln und sich etwas vorlesen zu lassen – und das übrigens auch, wenn sie bereits selbst lesen können.

5: Sockenspiel

Einfach, aber gerade für die jüngeren Kinder immer wieder nett:

Nehmt vier bis sechs Kinder- und noch einmal so viele Erwachsenensocken und steckt in jeden Strumpf etwas hinein, was das Kind erfühlen darf. Ein Spielzeugauto, eine Murmel, ein Kaffeelöffel – ich bin sicher, Kleinkram gibt es genug im Haus.

Wenn das Kind alles ertastet hat, wird gemeinsam aufgeräumt, und das Kind darf anschließend die Socken füllen.
(Und bis das geschehen ist, kann man prima noch ein bisschen selbst etwas erledigen. Oder auch einfach nur fünf weitere Seiten eines Buchs lesen.)

Man sollte übrigens der Versuchung widerstehen, in einem der Socken eine klitzekleine Überraschung zu verstecken. Das Spiel mit Mama oder Papa bietet Anreiz genug, aber eine klitzekleine Überraschung zusätzlich ist eben eine klitzekleine Überraschung zusätzlich, und natürlich wird das Kind darauf hoffen, beim nächsten Mal wieder eine vorzufinden.

Möchte man also irgendwann beim Sockenfüllen nicht im Hintergrund hören: „Aber du musst auch ein Gummibärchen hineintun!“, dann lässt man so etwas besser.

(Nach Verfassen des Blogeintrags verreist – nächsten Montag geht es weiter.)

4: Kinder, Kinder, ihr müsst wandern…

Wochenende!
Und zumindest hier bei uns heißt das: die letzten schönen Tage, bevor die Regenzeit (schon wieder) über uns hereinbricht.
Was das bedeutet? Ganz klar, wir müssen raus.
„Alle mal hergehört! Wir machen einen Spaziergang!“

Und?
Kommen sie angerannt, juchzend und sich vor Freude überschlagend?
Nein. Eigentlich klingt es eher so:
„Maaaaaaann… MÜSSEN wir raus? Warum denn schon wieder spazierengehen? Können wir nicht im Garten bleiben? Das ist doch auch draußen?“

Spaziergänge, kleine Wanderungen gar, können für Kinder schnell ziemlich langweilig werden.
Während der genügsame Erwachsene sich bereits an Licht, Luft und Sonne erfreut (zumal, wenn er die vergangenen fünf Tage im klimatisierten Büro saß), zieht sich für Kinder der Weg unendlich lang bis zum Horizont. Leider lassen sich etwas fadere Wegstrecken auch bei kindgerechten Wanderstrecken nicht immer vermeiden.
Was also tun, wenn sich gerade kein Weg schlängelt und windet, keine Steine zum klettern und keine Baumstämme zum Balancieren vorhanden sind?

Ein Spaziergangspiel spielen.

Wer findet zuerst – fünf Pilze / fünf Blumen / fünf verschiedene Blätter / fünf Kastanien / fünf …?
Bitte fair bleiben und nicht beispielsweise fünf Tannenzapfen suchen lassen, wenn man durch einen Laubwald marschiert.

Lieder raten: Einer summt, die anderen müssen rausfinden, um welches Lied es geht. Wer’s weiß, steuert den Text bei. Oder nennt zumindest den Namen des Liedes, sofern man nicht so ganz textsicher ist.

Das Zehner-Spiel: Vermutlich hat dieses Spiel einen anderen Namen, aber meine Tochter und ich kennen es so. Einer gibt einen Oberbegriff vor, der andere sucht zehn passende Antworten. Zum Beispiel: Nenne zehn Blumen / zehn Automarken / zehn Kinder aus dem Kindergarten / zehn Farben / zehn Dinge, die man im Sommer tun kann…
Uferlos ausdehnbar und für fast alle Altersklassen geeignet.

Mini-Wettrennen: Wer ist zuerst bei der nächsten Birke? Wer zuerst am Wegweiser?
Gerechter wird’s mit Vorsprüngen: „Ich zähle bis fünf, dann renne ich los“ – das Kind darf natürlich sofort los sausen.
Mir geht’s übrigens regelmäßig so, dass ich zu großzügig bin, was den Vorsprung betrifft, weshalb ich dann trotz fliegender Steinchen und hochrotem Kopf nur zweiter bis dritter werde.

Märchen erzählen: Besonders nett wird, das, wenn man die Umgebung mit einbezieht – „Es war einmal, vor langer, langer Zeit, da lebte an diesem See eine kleine Nixe. Dort, wo der Baum sein Zweige ins Wasser hängen lässt, hatte sie ihren allerliebsten Badeplatz. Eines Tages…“
Es gibt kein Kind, dass aufgrund einer solchen Geschichte nicht mit ganz anderen Augen durch die Gegend läuft, und es kommt nicht selten vor, dass die Kinder spontan ins Geschehen eingreifen: „Und da hat sie sich eine Zauberblume gepflanzt, oder Mama? Und mit der hat sie sich einen Freund gewünscht, weil…“
(Ich selbst würde mich mitunter nicht wundern, wenn die erfundenen Fantasiegestalten auf dem nächsten Ast sitzen würden.)

Schätz-Olympiade: Bereits vor dem Spaziergang eine Liste anfertigen, mit Fragen wie: Wie viele verschiedene Bäume werden wir sehen? Wie vielen Spaziergängern mit Hund begegnen? Wie oft kann das Kind hintereinander auf einem Bein hüpfen (sinnvollerweise vorwärts und nicht auf der Stelle)? Ist euch Eltern die Strecke einigermaßen bekannt, werden euch sicher viele weitere Fragen einfallen.

Und jetzt: Picknick packen und nichts wie los.

3: Amaranth-Riegel mit getrockneten Kirschen und Mandeln

Am Freitag mal was Leckeres.

Wie die allerallermeisten Kinder lieben auch meine Süßigkeiten aller Art.
Und wie die allerallermeisten Mütter steh‘ ich dem damit verbundenen Zuckerkonsum kritisch gegenüber.

Mit Honig dagegen habe ich keinerlei Probleme, weshalb das folgende Rezept für mich einem Lottogewinn sehr nahe kam:

160 g Kakaobutter
120 g gepopptes Amaranth
1 gestr. TL gemahlene Vanille
40 g gehackte, geröstete Mandeln
80 g getrocknete Kirschen
120 g Honig
100 g weißes Mandelmus
20 g Bio-Kakao
1 TL gemahlener Zimt
1 Prise Meersalz

Die Kakaobutter schmelzen (sie darf nicht kochen), derweil alle anderen Zutaten miteinander verrühren.
(Ich empfehle, die Kakaobutter im Internet auf einer guten Rohkost-Seite zu erstehen. Wer Interesse daran hat, dem gebe ich gerne meine persönliche Online-Adresse für dieses Produkt weiter. Einfach anmailen.)
Statt getrockneter Kirschen gehen natürlich auch getrocknete Cranberrys, Rosinen oder jedes andere kleingeschnittene Trockenobst; für die Nüsse gilt ähnliches.
Ich nehme übrigens gerne statt 120 Gramm Amaranth nur etwa hundert Gramm und noch zwanzig Gramm Rice-Crispies (die von Alnatura sind ungezuckert).
Die geschmolzene Kakaobutter unterrühren.

Die Mischung auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech streichen und im Kühlschrank mindestens eine Stunde hart werden lassen.
Meine Bleche sind lediglich 35x32cm groß, also kleiner als ein normales Blech. Wer ein normal großes Blech benutzt, sollte darauf achten, dass die Masse nicht zu dünn verstrichen wird.
Nach dem Kühlen samt Backpapier vom Blech nehmen, Backpapier abziehen und in Riegel schneiden.

Das Rezept ergibt etwa 30 bis 36 Riegel, und bei uns sind die innerhalb von einer Woche weggefuttert – sie werden nämlich nicht nur von den Kindern geliebt, sondern auch von deren Freunden, meinem Gatten und mir selbst.

Das Grundrezept stammt aus dem Buch „Vegan For Fit“ von Attila Hildmann – und weil es ein eben ein veganes Kochbuch ist, nimmt Attila Hildmann statt Honig natürlich Agavendicksaft.
Und obwohl ich keine hundertprozentige Veganerin bin, sondern eher eine „Wenig Fleisch und wenn dann Bio, und wenig Milchprodukte sind okay, aber ganz darauf verzichten werde ich nicht, und Agavendicksaft statt Honig geht natürlich überhaupt nicht, weil Honig doch so um einiges gesünder ist, jedenfalls meiner persönlichen Recherche nach“-Köstlerin, kann ich das Buch absolut weiterempfehlen.

2: Reden ist Silber…

Mitunter fällt mir auf, dass ich gerade einmal mehr völlig unnötigerweise mein Kind verbal zuschütte und es dadurch immer wieder und wieder aus seinem Spiel und aus seiner Konzentration hole.

Und ich rede nicht vom siebten „Putz jetzt endlich deine Zähne!“ innerhalb von fünf Minuten (ein Thema für sich), sondern von all den vielen, vielen: „Sei vorsichtig!“, „Halt dich fest!“, „Ist dir kalt?“, „Willst du deine Schuhe ausziehen?“, „Hast du Hunger?“ und so weiter und so fort, die alle letztlich nur eines ausdrücken: „Ich traue dir etwas nicht zu.“

Natürlich müssen allzu sorglose Draufgänger auch mal eingefangen werden, und ja, es gibt sicher mehr als ein Kind, das mit blauen Lippen und klappernden Zähnen unbeirrt weiter im Wasser paddelt, aber mal ehrlich: Wovor genau muss ein Kind bewahrt werden, dass völlig im Reinen mit sich und der Welt im Gras sitzt und Käfer beobachtet? So zum Beispiel? Ob dieses Kind jetzt lieber mit oder ohne Schuhe, mit oder ohne Jacke, mit Banane oder ohne Banane sein möchte, das ist letztlich völlig unwichtig.

Genausowenig verlangt es einem schaukelndem Kind nach einem besorgten „Halt dich gut fest!“ (und auch nicht nach einem motivierenden „Beine vor und zurück!“).

Ich selbst neige beispielsweise zu: „Wasch deine Hände!“, wenn ich mit meinen Kindern zur Haustür hineintrete, und damit treibe ich meine Tochter mittlerweile in den Wahnsinn. Schlimmer als Nägelbeißen hat sich dieser Automatismus bei mir festgesetzt, und in zwei von drei Fällen gebe ich ihr nicht einmal den Hauch einer Chance, sich Schuhe und Jacke auszuziehen und danach ins Bad zu gehen. Im jeweils dritten Fall trabt mein Kind auch ohne mütterliches Gedrängel zum Händewaschen und gut ist’s.

Nun ist meine Tochter mit ihren neun Jahren glücklicherweise alt genug, um genervt anzumerken: „Mama! Ich WEISS, dass ich meine Hände waschen soll! Das musst du mir nicht TAUSENDMAL sagen!“
(Ich bin dann etwa fünf Sekunden lang ob ihres Tonfalls angefressen, bevor ich mir eingestehe, dass sie Recht hat.)

Mein Vierjähriger ist aber leider noch nicht in der Lage, mir nach dem dritten: „Willst du nicht doch lieber deine Jacke ausziehen?“ ein deutliches: „Ich merk schon selbst, wenn mir warm wird!“ entgegenzuschleudern.

Hier ist die Selbsteinsicht des Erwachsenen gefragt: Bei welchen Gelegenheiten verteile ich ungefragt Ratschläge, biete ich unnötige Hilfeleistungen an, ermahne ich automatisch zur Vorsicht, ohne dass mein Kind tatsächlich einer Gefahr ausgesetzt wäre?
Oder anders: Wo traue ich ihm zu wenig zu, halte es unnötig klein oder reiße es ohne jeden Grund mit meinem Fragen und Angeboten aus seinem Spiel heraus?

Beschränken wir uns also ab und an einfach mal auf’s Beobachten und überlassen es dem Kind, seine Grenzen auszuloten, die Jacke zu holen oder :“Ich habe Hunger“ zu sagen.
(Die nächste „Warum? – Und warum? – Aber warum?“-Phase ist ohnehin nur etwa zehn Minuten entfernt.)

1: Kurz mal innehalten.

Familienrituale sind etwas ganz Besonderes.
Sie vermitteln dem Kind ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und Sicherheit, und es gibt wohl kaum eine Familie, die nicht über ihre eigenen Rituale verfügt.

Wie wäre es einmal mit etwas Neuem?

Dieses Ritual sollte am besten abends durchgeführt werden, wenn die Kinder noch nicht zu müde sind und möglichst viele Familienmitglieder daran teilhaben können.

Sucht euch einen Ort, an dem ihr alle gemütlich beieinander sitzen könnt. Gut wäre es, wenn ein immer wiederkehrender Beginn für das Ritual gefunden wird. Dies kann das Anzünden einer Kerze sein oder das Ineinanderlegen der Hände. Wichtig ist, dass deutlich wird, dass man sich als Familie für ein paar Minuten zusammengefunden hat, um innezuhalten und gemeinsam über den Tag nachzudenken.

Je nach Alter der teilnehmenden Kinder dürfen nun einige Minuten verstreichen. Eine brennende Kerze oder ein anderes Objekt in der Mitte des Kreises kann dabei den Kindern helfen, sich auf die eigenen Gedanken und auf die Stille um sie herum zu konzentrieren.

Wer möchte darf dann etwas benennen, wofür er an diesem Tag dankbar war oder was ihm besonderes viel Spass gemacht hat.

Wenn das Ritual die ersten Male durchgeführt wird, so ist es sinnvoll, dem Kind vorher kurz zu erklären, was man nun vorhat und um was es geht. Später ist dies natürlich nicht mehr notwendig.

Ich habe diese Idee in dem Buch „EQ – Emotionale Intelligenz für Kinder und Jugendliche“ von Linda Lantieri und Daniel Goleman gefunden und finde, es ist eine wunderbare Möglichkeit, um seinem Kind und sich selbst die Gelegenheit zu einer winzigen Auszeit im Alltag zu geben, dabei Nähe und Geborgenheit zu erfahren und die Sicht auf die positiven Aspekte des Tages zu lenken.